Kite Cruise im Roten Meer

Kite Cruise im Roten Meer

Wir waren eine Gruppe zehn kitebegeisterter Leute, die am 6. Mai 2007 mit der Rosinante, einem alten tyrkischen Segelschiff, im Hafen von Hurghada ins Meer stachen. Die Segel der Rosinante waren leider nicht mehr in Betrieb, trotzdem begeisterte uns das Schiff wegen dem überaus gemütlichen Ambiente, welches ihr unter anderem das viele Holz und die hohen Masten verliehen. Die Schiffscrew bestand aus einem Reiseleiter sowie vier Angestellten, die uns durch das rote Meer navigierten, uns fürstlich beköstigten und bedienten.
Mitten in der Nacht, nachdem wir mit der Belair Europa überquert hatten und in √Ñgypten gelandet waren, versammelten wir uns auf dem Schiff. Für eine Woche sollten wir nun von Insel zu Insel fahren und die schönsten Kitespots der Umgebung erkunden. Wir verbrachten eine wunderbare, abwechslungsreiche Woche, die ich nun im Kurzen dokumentieren werde.

Es het Schuumchrönli! Ramon zückt seinen Windmesser und eilt zum Bug des Schiffes vor, wo er sein treues Messgerät hoch gegen den Himmel streckt. 7.3, 8.5, 9.8 Knoten - das reicht! Auf dem Boot bricht Unruhe aus. Endlich. Das Warten hat ein Ende.

Drei Tage haben wir vergebens auf Wind gewartet. Dafür hatten wir genügend Zeit, uns auf unsere Kite-sessions vorzubereiten: Aimé, der sich aus Angst vor bösen Fischen anfangs kaum ins Wasser getraut hatte, hat nun alle Riffs in der Umgebung mit Taucherbrille und Schnorchel erkundet und so mit den diversen Meeresbewohnern Freundschaft geschlossen. Diese kannten ihn jetzt und würden ihm nichts mehr zu Leide tun. Franco und ich trainierten unser Glichgewichtsorgan, indem wir uns auf den Seilen, die das Schiff ankerten, im Seiltanz übten. Franco rettete sich bei Sturz mit elegantem Kopfsprung ins Wasser. Ich vollführte schon mal eine, vielleicht weniger elegante Bauchlandung. Mit den Frauen machte ich mentales Sprungtraining und Dorin lockerte uns allen mit ihren gekonnten Massagegriffen schon mal vorbeugend die Muskeln.
Jetzt musste nur noch Wind her. Elena erklärte sich dazu bereit, am nächsten Abend auf den Alkohol, sowie den ganzen nächsten Monat auf Schokolade zu verzichten, falls uns ein windiger Tag bescherrt würde. Die Männer taten ihr Bestes, indem sie früh ihr erstes Bier öffneten, im festen Glauben daran, dies würde die Windgötter gütig stimmen. Und siehe da, der Wind kam. Die Pfunde, die wir durch die edle ägyptische Verköstigung auf dem Schiff und das süffige Stella-Bier zugenommen hatten, konnten wir nun endlich wieder los werden.

Wir packen unsere sieben Sachen, die Kites haben wir schon am Vortag am Strand gelagert. Zum Morgenessen bleibt leider keine Zeit mehr und die köstlichen Omeletts mit Nutella bleiben zurück. Das kleine Motorboot, welches die grosse Rosinante stets treu begleitet, bringt uns ans Ufer. Am Strand werden nun sofort die Kites aufgepumpt. Keiner will mehr auch nur eine Minute länger warten. Der Wind nimmt von Minute zu Minute zu und Ramon, wie immer der Erste hat nun seinen Kite gestartet. Der Rest der Gruppe folgt und jetzt heisst es Kiten bis zum Umfallen.
Denise übt fleissig ihren Backloop, den sie sich abends im Bett nochmals durch den Kopf gehen liess. Doch plötzlich taucht vor ihr im Wasser eine Flosse auf. Oh mein Gott, das ist ein Haifisch! Denise fliegt vor Schreck übers Brett und zappelt nun hilflos im Wasser, den Launen des Meeresungeheuers ausgesetzt. Das Ungeheuer springt jedoch fröhlich an Denise vorbei und erst da merkt diese, dass es ein Delfin war. Jetzt kann Denise wieder Backloops üben.
Manuela, alias Schaf, weil sie so herzige Löckchen hat, macht ebenfalls fleissig Fortschritte. Jeden Tag legt sie ein paar Meter mehr zurück mit ihrem Kite. Alle sind begeistert: Ein kitendes Schaf sieht man schliesslich nicht alle Tage. Philip, alias Knut, Schafs Freund zeigt uns schliesslich allen wie's geht. Mit air-pass, unhoocked backloop kiteloop to switch und sonst irgendwelchen verrückten Jumps springt er uns allen um die Ohren."

Trotz Elenas Windopfer und der Männer Windbeschwörungen hielt uns der ägyptische Wind weiterhin zum Narren. Oft war er einfach zu schwach oder zog nach zwei, drei Stunden wieder ab. Dafür hatten wir eine wunderbare Begegnung mit einer Delfin-Familie. Wir wollten mit dem kleinen Boot zu einem nahgelegenen Riff schnorcheln gehen, als eine Gruppe Delfine neben unserem Boot auftauchte. Wir alle hüpften begeistert ins Wasser. Sogar Aimé folgte uns nach kurzem Zögern und tauchte mit uns und den Delfinen um die Wette.

Abends gab es jeweils, wie es sich nach einem windigen oder auch weniger windigen Tag gehört, schweizer Apéro. Philip packte eine grosse Salamiwurst, wie auch diverse Käsesorten aus. Den Weisswein haben wir zum Glück auch nicht vergessen, denn der Vorrat auf dem Schiff war knapp. Früher oder später stand auch Romans Havanna Rum auf dem Tisch, sowie Denises Gyrlie-Drink, an dem wir Frauen etwas zu kämpfen hatten ‚Äì mindestens so stark wie Romans Havanna, alles andere als ein süsses Liquörgetränk, wie wir erwartet hatten. Aber Elena, die ihren geopferten alkoholfreien Abend überstanden hat, schenkte uns grosszügig ein: De möged mer scho, Fraue!

Die Woche neigt sich dem Ende zu. Bald kehren wir zurück in den Hafen von Hurghada, wo wir unsere lieb gewonnene Rosinante etwas wehmütig verlassen. Einen letzten Tag, bevor uns die Belair wieder in die Heimat fliegt, verbringen wir noch in Soma Bay, einem Kitespot einige Kilometer südlich von Hurghada. Ein letzter Zwischenfall ereignet sich, als bei der Rückfahrt mit dem Taxi ein Kitebag vom Dach fliegt. Zu unserem Glück war ein zugestiegener Fahrgast der Besitzer dieses Bags. Und zu dessen Glück war er selbst so wachsam, dass er durchs Fenster den Absturz des Bags mitverfolgen konnte und den Taxifahrer zum Anhalten bewegen konnte.

Ansonsten kamen wir alle heil nachhause. Abgesehen von ein paar kleinen Schrammen an uns selbst wie auch an unseren Kites, doch das gehört schliesslich zu einem gelungenen Kiteurlaub.

Rosinante ahoi!

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